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Hans im Glück
Soeben verließ der Intercity-Zug Koblenz, wo die Reste derjenigen, die vor dreißig Jahren das Abitur bestanden hatten, ihr alle zwei Jahre wiederkehrendes Klassentreffen hinter sich gebracht hatten. Wie dort die "Weißt-du-noch-Reden" immer pointenloser, das Lachen immer gequälter, das Auseinanderdriften der Interessen und Wertvorstellungen immer offenkundiger und die Aufgeschlossenheit für die Interessen des anderen immer geringer wurden und fast nur noch der Alltäglichkeit Raum freigaben, so waren ihm die Orte, Straßen und Gassen, die Gebäude, der Rhein, die Anlagen, die ganze wiederkehrende Unbekümmertheit und Lebenslust der Gymnasialjahre Grund genug, das Ritual an der langen Tafel in Kauf zu nehmen. Vielleicht machte Martin sich damit auch etwas vor, denn Koblenz zu besuchen, stand ihm ja jederzeit offen. Im Grunde erkannte er den Freimut derjenigen an, die von dieser Pflichtübung abrückten, zwar schöne Worte dafür fanden aber konsequent dem mangelnden Zugewinn durch Fernbleiben abhalfen.
Wie dem auch sei verloren sich seine Gedanken aus der Gegenwart als der Kirchturm der Josefskirche vorbeizog, in dessen Schatten er mit seiner Familie sieben Jahre gelebt hatte, die Rheinanlagen und Oberwerth, an denen so viele Erlebnisse hingen, oder die Brauerei in der Nähe der Stadt, die Martin mit seinem Vater zu Fuß einmal im Monat aufsuchte, immer dann, wenn eine Schlachtplatte für Pfennige angeboten wurde und er sich über die Maßen satt essen konnte. Eine überschaubare Armut wie die seiner Familie konnte auch damals schon beglückendere Momente und Lebensfreude bereithalten, als es die großen Dinge im Wohlstand vermögen.
In seinem Abteil waren alle Plätze besetzt. Der große Wechsel an Fahrgästen in Koblenz hatte ihm einen Fensterplatz beschert, in den er sich genüsslich reingeräkelt hatte, um die Fahrt durch das Rheintal so recht zu genießen. Das heißt nicht, dass er von nun an den Blick ununterbrochen der Landschaft widmete, von der er jeden Meter zu Fuß, per Rad, Auto oder Schiff kannte; es blieben ihm genügend Momente, die Mitreisenden zu betrachten und, wie immer inmitten von Menschen, sich kriminalistische Gedanken nach Art von Sherlock Holmes über deren Beruf und Lebensumstände zu machen.
Beiderseits der Tür zum Beispiel saß ein Ehepaar, das Martin bereits nach kurzem Hinhören dem Lehrerberuf zuordnen konnte. Zugegeben war das eine besonders leichte Übung, denn es liegt in der Natur dieses Berufs, wie er meinte, Lehren zu erteilen, auch untereinander, in der Belehrbarkeit oder Bereitschaft dazu, Defizite aufzuweisen und von dem ganz besonderen Stress ihrer Tätigkeit überzeugt zu sein. Hier kam hinzu, dass sie, um einige Jahre jünger, unüberhörbar dominierte, fast alle Hinweise und Fragen, die bereits die Antworten mitlieferten, von ihr kamen und er sich lediglich zur Wiederholung ihrer letzten Worte aufraffte, ohne etwas Salz oder Pfeffer aus dem eigenen Gewürzschränkchen hinzu zu tun. Vielleicht waren es auch nur letzte Überbleibsel von Grundregeln aus der Studienzeit, zuerst einmal den Menschen zu bestätigen, bevor man mit dessen Zertrümmerung beginnt, für die sich hier offenbar die Kraft erschöpft hatte.
Zu seiner Rechten saß eine ältere Dame, deren Abiturzeit Martin noch um drei Jahrzehnte früher ansetzen durfte und die danach oder gerade deshalb seine Bewunderung hervorrief. Zunächst bestachen im Gesicht der sicher achtzigjährigen Dame zwei blanke, überaus lebhafte und gegenwärtige Augen, die von Person zu Person, zum Fenster und von dort zu ihrer Lektüre hüpften, Beobachtungen, Aussicht und Sinn der Worte fast gleichzeitig aufnahmen und erkennen ließen, dass für sie das Leben interessant und kurzweilig war aus einer heiteren Gelassenheit heraus, ohne Drang, sich in Bewertungen, Fürsprache, Duldung oder Ablehnung zu engagieren. Das Buch, das sie gelegentlich mit einem Finger zwischen den aktuellen Seiten auf dem Schoß niederlegte, war ein zeitgeschichtlicher Bestseller unserer Tage und sicher nicht einfach und nur mit Vorkenntnissen zu lesen. Sie hatte ihr Gesicht dezent gepudert, ihr Haar, soweit Martin es unter dem Hut sehen konnte, mit großer Sorgfalt aufgesteckt und sich ebenfalls sehr dezent mit einem feinen Parfüm umgeben, sehr ladylike und sicher eine neue Schöpfung. Ihre Kleidung, überaus chic, bewies, dass sie ganz vorne in der Zeit mitlief. Sie vermied tunlichst alles, was sie hätte mit einem der Leute in Kontakt bringen können, und dennoch meinte Martin, manchmal ein Amüsiertsein zu entdecken, wenn die eine oder andere Rede im Abteil dazu veranlasste.
Ihr gegenüber saß ein Mann um die Fünfzig und mit dem Äußeren eines Herrn. Tadellose Kleidung über zu vollem Leib, einen teuren, weinroten Aktenkoffer, hochkant auf den Knien haltend, wobei die kurzen Finger, gesiegelt und goldkarätig, gut sichtbar blieben, bis auf die Momente, in denen eine Hand mit weißem Tuch aus der inneren Jackettasche die Stirn abtupfte. Das Gesicht war das eines erfolgreichen Vertreters, der mit allem und jedem sein Produkt in Verbindung brachte, von dessen Wichtigkeit er Zeugnis ablegte, abgeschirmt gegenüber jedem, der an anderes denken ließ. So blieben seine Kontaktversuche, eintrainiert und schablonisiert in Rede und Gehabe, trotz unangenehm lauten Belachens seiner eigenen Worte erfolglos, ja Abwehr hervorrufend.
Mit der alten Dame wusste er überhaupt nichts anzufangen, der Pädagoge versuchte die Wetterouvertüre mit einer meteorologischen Ergänzung spezifischer Gegebenheiten des Rheintales zu erweitern, der sicherste Weg, eine Fortsetzung abzuwürgen, ebenso ungewollt wie dafür verständnislos.
Martin vermied jeden Blickkontakt, und die junge Frau ihm gegenüber drückte ihre Stirn an die Scheibe und sich selbst in die Sitzecke, um möglichst viel Abstand einzuhalten, der aber nur von der heruntergeklappten Armlehne gewährleistet wurde. Sie mochte achtundzwanzig bis dreißig Jahre alt sein und war in jeder Weise anziehend, ja faszinierend, und es bedurfte einer Menge Selbstkontrolle für ihn, sie nicht unverhohlen anzustarren. Ihr volles braunes Haar umrahmte ein ebenmäßiges Gesicht voller Liebreiz, aber auch Selbstsicherheit, eine hohe klare Stirn, gehobene Wangen, dunkle schöne Augen unter betonten Brauen, eine edle Nase, wie er sie einer Römerin zuschreiben würde, ja, und einen Mund, den er wegen notwendigerweise weiterführender Gedanken nicht so genau betrachten sollte; alles harmonisch, mit einem Ausdruck, der selbstbewusst, aber auch ein bisschen herausfordernd, abschätzend, provokant war, Widerspruch verhieß und ein wenig Spott parat hatte. Sie trug einen knappen, braunen Rock, unter dem sie lässig die Beine übereinander schlug, sich wenig um das kümmernd, was dem Blick reichlich geschenkt wurde und im engen Rock weiterzuverfolgen war; eine weiße Bluse aus Seide, die schmeichelhaft unbetont alles betonte und verhieß, und dieses offensichtlich, wenigstens bildete Martin sich dieses ein, keinerlei Hilfen darunter bedurfte. Ihre Figur bewahrte in jeder Haltung einen sportlich-jugendlichen, aber auch sehr weiblichen Reiz. Martin glaubte, an Mainz längst vorbeigefahren zu sein, hätte er alle Details, die vielen kleinen Beobachtungen dessen, was der Faszination auf ihn die Abrundung gab, aufgezählt, so dass er lieber ihrem Beispiel folgte und ebenfalls die Stirn an die Scheibe legte und im angestrengten Schauen sein Heil suchte. Aber die Erinnerungen wie Assoziationen aus den vorbeilaufenden Bildern wollten nicht mehr aufsteigen, und alles Denken reduzierte sich auf ihre Gegenwart.
Immer dann, wenn der Zug an Bäumen oder Häusern vorbeifuhr, wurde das Fenster seines Abteils zu einem Spiegel, in dessen Mitte ihr Gesicht erschien und ihm Gelegenheit gab, es anzuschauen, wie gleichermaßen Martin hoffte, dass auch das seine in ihrem Blickfeld Aufmerksamkeit erregen würde. Es trafen sich auch häufig ihre Blicke, ohne dass sie wussten, ob sie die Landschaft aufnahmen oder aber für ein kurzes Ineinander anhielten. Von nun an schienen ihm Zeit und Landschaft zu rasen und der Reiz des in der Sonne daliegenden Rheintales war besonders dann gegeben, wenn es nicht zu sehen war, das heißt wenn irgend etwas Dunkles, und sei es nur eine alte Ziegelsteinmauer, das Fenster in einen Spiegel verwandelte, der ihm ein kleines Zeichen ihres Interesses zuwerfen könnte.
Aus der Ungewissheit und Spannung dieser Situation befreite ihn plötzlich eine wunderbare Entdeckung, die ihm ebensoviel Spaß wie ein bisschen Herzklopfen brachte. Gerade zog eine halb hohe Weidenallee vorbei, die so viel Licht abschirmte, dass Martin ihr blasses Spiegelbild noch erkennen konnte, aber auch drüben die andere Rheinseite sah, die in der Sonne leuchtete. Der immer schöne Anblick der Rheinpfalz hielt ihn für eine Weile fest, als er bemerkte, dass sein Gegenüber den Kopf drehte und seinem Blick folgte, um ebenfalls an der alten Zollburg haften zu bleiben. Sie müsste also sehr genau seine Augen verfolgt haben, um zu sehen, was diese gerade so in Bann zog, und im selben Moment, als ihm dieses klar wurde und er zu ihr hinschaute, war auch ihr bewusst, sich verraten zu haben. Sie drehte ihr Gesicht von der Scheibe weg zu ihm, und für ein Kurzes hielten sich ihre Augen fest, froh erstaunt seine und offen und klar ihre, vielleicht mit einem feinen Lächeln hinter den Augen.
Drüben drohte die Germania von der Höhe die Kürze der Zeit an, die ihrem amüsanten Spiel verblieb, und das doch über den reizvollen Weg hinaus einiges mehr in ihm bewegt hatte. Noch einige Male verharrten ihre Augen auf der Scheibe ineinander, irgendwie fragend, wie ihm schien, und auf etwas wartend, das Initiative oder einen Fortgang auslösen würde. In Bingerbrück ordnete sie unverhofft ihre Tasche, nahm die Kostümjacke vom Haken, und aufstehend streifte sie sein Gesicht mit einer winzigen Kopfneigung und verließ das Abteil.
Sie hatte ihre Zeitschrift, in die sie während der Fahrt keinen Blick getan hatte, auf dem Klapptisch liegenlassen, aber da war schon Bingen erreicht, der Zug ruckte seine Geschwindigkeit runter, dann quietschten die Bremsbacken, er hielt an, Türen schlugen, der Lautsprecher tönte, und die ersten Fahrgäste gingen an Martins Fenster vorbei. Seine Stirn drückte fest die Scheibe, gespannt jeden musternd, der draußen unter ihm vorbeieilte, als könnte er etwas aufhalten, was ihm erst jetzt bewusst wurde. Ja, und dann kam sie, schaute zu seinem Fenster, fand ihn und lächelte, hob wie zum Gruß die Hand halb hoch und ging weiter. Martin sah noch eine Weile ihre schöne Gestalt, den beherrschten, selbstbewussten Gang, ihre hübschen Beine, bis er den Zauber in der Menge verlor und sich in das Polster zurücklehnte. Der Zug glitt an, und seine Gedanken kehrten zurück in eine Szene, wie er sie sich jetzt gerne vorgaukelte mit geistreicher und witziger Rede und Gegenrede und einem Fortgang, der nur dem Träumen vorbehalten blieb.
Nach einer Weile nahm er gedankenlos ihre Zeitschrift in die Hand wie ein Beweisstück für das Erlebte und drehte die Titelseite nach oben. Unten rechts klebte ein kleiner, weißer Zettel wie auf allen Postzustellungen, den er nur beiläufig aufnahm, bis er ein weiteres Mal darauf schaute und wie elektrisiert den Atem anhielt. Da stand klar leserlich ihr Name und Vorname wie auch ihre Anschrift und winkte ihm zu und drehte sich vor seinem Gesicht und wurde zu ihren Augen und lachte über ihn, dem "Hans im Glück", dem Einfältigen, der solcher Winke bedurfte.
Lerner, Hubert Überwiegend Heiter - Kurzgeschichten / 2002 Hubert Lerner, Schlangenbad Eigenverlag (Euro 9,90)
Alle Rechte liegen beim Autor Schriftart: Times New Roman 13 Satz: Simona Lerner, Schlangenbad Druck: Verlagsservice Wilfried Niederland, Königstein Printed in Germany
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